Stefanie Stahl

Stefanie Stahls Klassiker Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner (2008) zum Thema Bindungsangst ist inzwischen in der 12. Auflage und zu einem Standardwerk geworden. Nach sechs Jahren Praxiserfahrung und zahlreichen Seminaren zu diesem Thema ist das nun erschienene Buch „Vom Jein zum Ja“ eine gelungene Fortsetzung, das den Fokus mehr auf die Therapie als auf die Analyse legt.

Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl gilt zu Recht als Pionierin auf dem Gebiet der Bindungsangst, was die Darstellung des Themas in der Öffentlichkeit angeht. Zumindest galt das im Jahr 2008. Inzwischen gibt es mehr Ratgeberliteratur zu dem Thema, dass rund 40 Prozent aller Menschen betrifft, sofern sie einen unsicheren Bindungsstil aufweisen. Verwandt ist das Thema „Bindungsangst“ mit dem Thema „Entwicklungs- oder Beziehungstrauma“, dass im Rahmen der Trauma-Therapie zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. Hier liefert das Buch Laurence Heller, Aline Lapierre: Entwicklungstrauma heilen von Heller/Lapierre (2013) bahnbrechende Erkenntnisse, wie alte Überlebensstrategien gelöst und die Beziehungsfähigkeit gestärkt werden kann.

Das sich das Thema „Bindungsangst“ trotz großer innerer seelischer Not und Hilflosigkeit so zögerlich in den Köpfen der Menschen festsetzt, liegt auch daran, dass die Diagnose „Bindungsangst“ bei vielen Menschen immer noch Abwehr und Widerstand hervorruft. Viele Menschen leben noch im Opferland und geben ihrem Partner die Schuld am Scheitern der Beziehung, und wenn der Eigenanteil sich nicht mehr verleugnen lässt, dann hat man eben noch nicht die Richtige/den Richtigen gefunden. Wer sich jedoch auf eine Therapie (oder die Übungen im Buch) einlässt, hat nicht nur gute Chancen, beziehungsfähiger zu werden, sondern steigert auch seine Konfliktfähigkeit und sein Selbstwertgefühl, „das Epizentrum der Beziehungsstörungen.“

„Liebe ist ein ruhiges, warmes und starkes Gefühl“, schreibt die Psychologin Stefanie Stahl, während das, was die Bindungsängstlichen spüren, eher ein unruhiges, stressiges, zerreißendes, schmerzhaftes, trauriges und wütendes Gefühl ist. Die Autorin erklärt in einem kleinen Diagnoseleitfaden, was genau dieses Gefühl ist, woher dieses Gefühl kommt und welche Bindungsstile zu unterscheiden sind. Sie wendet sich dann sowohl an die Bindungsängstlichen als auch an die Partner von Bindungsängstlichen und gibt hilfreiche Übungen an die Hand, wie man seine Bindungsangst loswerden bzw. wie man sich von seiner Co-Abhängigkeit befreien kann.

Da Stefanie Stahl weder eine Trauma-Therapeutin noch eine Körpertherapeutin ist, liegt ihr Schwerpunkt eher auf der kognitiven Ebene, also auf der Veränderung der Glaubenssätze und des Verhaltens sowie der Arbeit mit dem inneren Kind. Ich finde die Übungen zum inneren Kind, die Einübung von erwachsenem Selbstschutz und die persönliche Inventur sind sehr gelungen. An ihre Grenzen stoßen diese Übungen dann, wenn die Beziehungsängste ein solches Ausmaß angenommen haben, dass Kontakt nach außen kaum oder nicht mehr möglich ist. Spätestens dann sollte man den Gang zum Therapeuten antreten.


 Stefanie Stahl: Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner, 2014, 176 Seiten, 14,95 €