Amir Levine & Rachel S.F. Heller

Beziehungen, wo der eine Partner ängstlich und der andere Partner vermeidend ist, sind häufiger als man denkt und häufig auch zum Scheitern verurteilt. Nach der Beziehungskombination sicher-sicher ist die ängstlich-vermeidende Beziehungskombination die zweithäufigste Art, wie sich Paare finden. Warum ist die Kombination ängstlich-vermeidend so häufig? Aus der Sicht des Ängstlichen ist der Vermeider anziehend, weil er eine unwiderstehliche Kombination aus Autonomie und Verletzlichkeit ausstrahlt. Aus der Sicht des Vermeiders sind die Ängstlichen der ideale Partner, weil sie sich aus Angst vor Verlassenwerden alles gefallen lassen, was der Vermeider an Strategien so drauf hat.

Ich als ängstlicher Beziehungstyp kann ein Lied davon singen, in den vergangenen zehn Jahren leider kein freudvolles Lied, weil ich „immer an die Falsche“, nämlich an eine vermeidende Partnerin geraten bin. Dank dieses Ratgebers wurden mir die Augen geöffnet, dass diese „Strategie“, sich als ängstlicher Bindungstyp an eine vermeidende Partnerin zu halten, nicht in eine erfüllende Partnerschaft mündet. Die vermeidende Partnerin vermeidet nämlich genau das, wonach ich mich sehne: Emotionale und körperliche Nähe, am besten beides zusammen.

Im ersten Schritt kann ich in diesem Ratgeber in einem Eigentest herausfinden, welcher der drei Beziehungstypen ich bin. Da kam eindeutig heraus, dass ich der ängstliche Beziehungstyp bin. Das heißt, ich brauche viel Nähe und ich sorge mich ständig darum, ob meine Partnerin mich genügend liebt. Ich fühle mich leicht verletzt und zurückgewiesen und bekomme Verlassenheitsängste, wenn es zu Konflikten und Streit kommt. Als Protestverhalten gegen das Vermeidungsverhalten benutze ich unbrauchbare Strategien, die nicht dazu führen, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden. Ich tue zum Beispiel so, als ob ich keine Nähe bräuchte, ich ziehe mich beleidigt zurück, oder ich dramatisiere meine Bedürftigkeit und die Unfähigkeit des Partners, diese Bedürfnisse zu erfüllen.

Im zweiten Schritt analysiere ich dank der sehr brauchbaren Checkliste in diesem Buch das Verhalten meiner Partnerin und stelle fest, dass sie 100 % vermeidend ist. Sie sendet zweideutige Signale aus, träumt von einem Traumprinzen und benutzt Deaktivierungsstrategien (geistig abschalten, flirten mit anderen Männern, körperliche Nähe im Alltag vermeiden etc), wo es nur geht. Der vermeidende Beziehungstyp setzt Intimität mit dem Verlust von Autonomie gleich, da ist es als ängstlicher Typ verdammt schwer, mit dem Vermeider auf einen Nenner zu kommen.

Hat man also als Paar die schwierige Kombination ängstlich-vermeidend ermittelt, ist trotzdem nicht Hopfen und Malz verloren, denn die Autoren geben jede Menge Tipps, wie man aus dieser Konstellation eine sichere Bindung machen kann, in der jeder Partner auf seine Kosten kommt. Dazu ist allerdings Bewegung auf beiden Seiten nötig und viel Kommunikation. Jede vierte Partnerschaft schafft auf diese Weise den Sprung in eine sichere Bindung. Die anderen 75 % müssen sich vom vermeidenden oder ängstlichen Partner trennen und sich einen sicheren Bindungstypen suchen, auch wenn der statistisch gesehen schwer zu finden ist. Ich jedenfalls habe genug Lehrgeld bezahlt und wünsche mir in Zukunft einen sicheren Bindungstyp, der sich mit emotionaler und körperlicher Nähe genauso wohl fühlt wie ich.


Warum wir uns immer in den falschen verliebenAmir Levine & Rachel Heller: Warum wir uns immer in den Falschen verlieben: Beziehungstypen und ihre Bedeutung für unsere Partnerschaft, Goldmann 2015, 350 Seiten, 9, 99 €